Redaktionsaustausch: Ohrenkuss besucht die ZEIT

Verena Günnel lies die ZEIT.

Verena Günnel liest die ZEIT.

 

Das Ohrenkuss-Heft Nummer 29 hatte das Thema ZEIT. Autor Paul Spitzeck machte kurz nach Erscheinen der Ausgabe an einem Kiosk eine Entdeckung: Es gibt eine wöchentlich erscheinende Zeitung mit demselben Titel. Nachdem er sie erstanden und gelesen hatte entschied er: Die Macher der ZEIT sollten unbedingt auch den Ohrenkuss zum Thema kennenlernen. Also hat er einen Brief dazu formuliert und wir haben unser Heft auf den Postweg von Bonn nach Hamburg geschickt. Die Antwort der Hamburger Kollegen kam prompt: Wir wurden eingeladen zu einem Redaktionsbesuch.

Den haben wir jetzt angetreten. Daniel Rauers, Johanna von Schönfeld und Verena Günnel vertraten das Redaktionsteam, in Begleitung von Chefredakteurin Katja de Bragança, dem Fotografen Martin Langhost und Assistenz Anne Leichtfuß. Wir möchten lernen, wie eine andere Zeitung gemacht wird: Was ist anders? Und was ist genauso?

Ein großer Unterschied: Die ZEIT erscheint einmal pro Woche. Der Ohrenkuss zweimal im Jahr. Trotzdem gibt es bei beiden Zeitungen Themen, die mehr Zeit brauchen und welche, über die schnell und knapp berichtet werden muss.

Ohrenküsse haben immer ein einziges Thema, Mode, Sport, Zeit oderWunder. In der Zeit gibt es in jeder Ausgabe viele verschiedene Themen, die von elf unterschiedlichen Ressorts bearbeitet werden – von Fachleuten. Aber auch hier gibt es immer ein Schwerpunkt-Thema. In der aktuellen Ausgabe ist es Schule.

Ohrenkuss hat sich auf den Besuch bestens vorbereitet, zu Hause in Bonn und in einem netten Hamburger Café. Wir haben viel herausgefunden – und sind über viele Fragen gestolpert, die wir vor Ort klären wollten. Andreas Sentker, Urs Willmann, Harro Albrecht, Inge Kutter, Anja Nieuwenhuizenund Christoph Drösser aus dem Ressort Wissen standen uns Rede und Antwort – und hatten selbst jede Menge Gegenfragen.

Ohrenkuss gibt es seit 15 Jahren. Seitdem sind 30 Hefte erschienen. Die ZEIT gibt es seit 1946. Wie viele Ausgaben es seitdem gab, hat Christoph Drösser auf Nachfrage ausgerechnet. Es sind mehr als 3.500 Ausgaben.

Ein Punkt, der beide Redaktionen sehr freut ist dieser: Trotz der schwierigen Situation vieler Zeitungen und Magazine in Deutschland haben sowohl die ZEIT als auch der Ohrenkuss steigende Abonnentenzahlen.

Trotz steigender Tendenz: Ein deutlicher Unterschied zwischen Ohrenkuss und der ZEIT ist die Zahl der Abos. Den Ohrenkuss haben etwa 3.000 Menschen abonniert. Jede Menge, wie wir finden. Bei der ZEIT sind es 300.000 Leserinnen und Leser. Zusammen mit den Heften, die an Kiosken, in Supermärkten oder auf der Straße verkauft werden, sind das eine halbe Millionen verkaufte Hefte jede Woche. Und jede Zeitung wird im Durchschnitt von mehr als vier Personen gelesen. Wie viele Personen das bei einem Ohrenkuss-Heft sind, wissen wir nicht. Wir schätzen aber: vier sind es bestimmt.

Ein weiterer deutlich sichtbarer Unterschied ist das Format. Das der Zeit ist sehr groß. Man nennt es nordisches Format, und nur etwa ein Dutzend aller Zeitungen in Deutschland ist so groß. Ohrenkuss ist deutlich kleiner, aber ebenfalls speziell: das schicke Querformat, ein Einfall von Grafikerin Maya Hässig, gibt es seit der ersten Ausgabe.

Beide Zeitungen haben ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal. Außer der ZEIT gibt es in Deutschland keine andere Zeitung in diesem Format und Umfang, die zu aktuellen Themen berichtet, aber nur einmal pro Woche erscheint. Die Redakteurinnen und Redakteure haben so die Chance, alle Themen sehr genau und mit viel Leidenschaft zu recherchieren und an ihren Texten zu feilen. Ohrenkuss findet: Das merkt man.

Die Besonderheit des Ohrenkuss ist die Redaktion selbst. Auf der ganzen Welt gibt es kein zweites Magazin, in dem ausschließlich Texte von Menschen mit Down Syndrom erscheinen – ohne Korrektur oder Zensur. Auch die Bilder von Menschen mit Down Syndrom, die in jeder Ausgabe von wechselnden Profi-Fotografen gemacht werden, gibt es in dieser Qualität und Vielzahl in keinem Archiv der Welt.

Warum der Ohrenkuss Ohrenkuss heißt, wissen die Fans längst. Wer es nicht weiß, kann es hier nachlesen. Warum die ZEIT ZEIT heißt, hat uns Andreas Sentker erklärt.

Nach dem 2. Weltkrieg war die ZEIT eine der ersten Zeitungen, die in Deutschland gegründet wurden. Vorbild dafür war die London Times – da lag der Name nah. Inzwischen ist die ZEIT eines der bekanntesten Presseorgane in Deutschland und hat zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zur jährlichen Weihnachtsfeier kommen mehr als 400 Personen. Und auf die Liste der Orte, an denen es Büros der ZEIT gibt, ist vor allem Daniel Rauers ein wenig neidisch. Er würde am liebsten von New York aus für den Ohrenkuss berichten. Er gehört zum Bonner Team, genau wie 17 andere Kolleginnen und Kollegen. Außerdem gibt es insgesamt 109 Fernkorrespondentinnen und -korrespondenten an so spannenden Orten wie Frankfurt am Main, Zürich, Hamburg oder Südtirol.

Was die Redakteure und Redakteurinnen der ZEIT an ihrer Arbeit am meisten mögen, wollten wir wissen. Spannende Menschen zu treffen und ihnen alle Fragen stellen zu dürfen war eine der Antworten. Oder auch viele Orte auf der Welt kennenzulernen, Gletscher, Berge, Großstädte oder den Urwald. Unterwegs sein und zu interessanten Themen zu recherchieren. Auch das eine Parallele zwischen beiden Redaktionen – während allen Antworten wurde auf der Seite des Ohrenkuss-Teams aufs Heftigste genickt.

Aus der Vielzahl der bereits bearbeiteten Themen fällt es in beiden Redaktionen schwer, sich für das bisher spannendste zu entscheiden. Wichtig ist allen anwesenden Autorinnen und Autoren: „Wir lernen immer was dazu.“ Die Leserinnen und Leser des Ohrenkuss erfahren mehr über Menschen mit Down Syndrom und ihren Blick auf die Welt. Die ZEIT-Leserinnen und Leser können sich an Themen aus unterschiedlichsten Fachgebieten erfreuen: zum Beispiel Politik, Medizin, Archäologie oder Geschichte.

Nach dem Erfahrungsaustausch bekam Ohrenkuss noch die Chance, Delia Wilms über die Schulter zu schauen. Sie erstellt, zusammen mit acht bis zehn Kolleginnen und Kollegen, das Layout jeder Ausgabe. Gemeinsam mit den drei Ohrenkuss-Autoren verteilt sie Texte und Bilder der kommenden Ausgabe über mehrere Bildschirme. Zu welchem Thema verraten wir natürlich nicht – Ehrensache.

Am Ende des Besuches bekam Ohrenkuss noch ein großes Kompliment von Ressortleiter Andreas Sentker. „Eure Texte sind manchmal anspruchsvoller als unsere. Weil ihr euch Gedanken traut, die wir uns nicht trauen.“ Ohrenkuss bedankt sich für die Blumen und die Zeit in Hamburg. Wir haben uns sehr wohl gefühlt. Es war, wie Johanna von Schönfeld festgestellt hat „erfahrungsvoll“.

 

Die Bilder in der Bildergalerie hat der Fotograf Martin Langhorst gemacht, Anne Leichtfuß hat den Text geschrieben.

Daniel Rauers kauft die aktuelle Ausgabe um Mitternacht auf den Straßen Hamburgs.

Daniel Rauers kauft die aktuelle Ausgabe um Mitternacht auf den Straßen Hamburgs.

Verena Günnel lies die ZEIT.

Verena Günnel lies die ZEIT.

Verena Günnel und Daniel Rauers bei der Lektüre.

Verena Günnel und Daniel Rauers bei der Lektüre.

Daniel Rauers und Verena Günnel formulieren Interview-Fragen.

Daniel Rauers und Verena Günnel formulieren Interview-Fragen.

Vorbereitung des Interviews.

Vorbereitung des Interviews.

Verena Günnel formuliert Interview-Fragen.

Verena Günnel formuliert Interview-Fragen.

ZEIT und Ohrenkuss.

ZEIT und Ohrenkuss.

Die Ohrenkuss-Autorinnen und -Autor vor dem Pressehaus.

Die Ohrenkuss-Autorinnen und -Autor vor dem Pressehaus.

Ohrenkuss vor dem Gebäude der ZEIT.

Ohrenkuss vor dem Gebäude der ZEIT.

Im Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren der ZEIT.

Im Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren der ZEIT.

Im Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren der ZEIT.

Im Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren der ZEIT.

Komplimente für Hernn Sentker.

Komplimente für Hernn Sentker.

Im Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren der ZEIT.

Im Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren der ZEIT.

Im Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren der ZEIT.

Im Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren der ZEIT.

Besuch in der Layout-Abteilung.

Besuch in der Layout-Abteilung.

Besuch in der Layout-Abteilung.

Besuch in der Layout-Abteilung.

Ausdrucke der gemeinsam erstellten Seiten der kommenden Ausgabe.

Ausdrucke der gemeinsam erstellten Seiten der kommenden Ausgabe.

Im Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren der ZEIT.

Im Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren der ZEIT.

Daniel Rauers signiert das Ohrenkuss-Wörterbuch.

Daniel Rauers signiert das Ohrenkuss-Wörterbuch.


 

4 Kommentare zu Redaktionsaustausch: Ohrenkuss besucht die ZEIT

  1. Anne Rauers sagt:

    Alle haben viel gelernt, scheint mir. Es sieht nach einem guten Austausch aus!

  2. Angelika sagt:

    Vielen Dank für den spannenden Bericht! Ich lese beide Zeitungen sehr gerne und habe mich gefreut, dass die Redakteure sich kennenlernen konnten. Sicherlich war es für beide Seiten sehr interessant!

  3. Inger Detlefsen sagt:

    Die ZEIT war die erste Zeitung, die ich als Schülerin mit 17 Jahren abonniert habe. Das war in den 1960er Jahren. In der ZEIT wurde nämlich berichtet über die vielen jungen Leute, die auf die Straße gegangen sind und für eine andere Gesellschaft demonstriert haben. Und wie damals die Polizei reagiert hat und wie Benno Ohnesorg erschossen wurde. Die Artikel habe ich bei uns in der Klasse aufgehängt.
    Und dann haben wir unter uns und mit den LehrerInnen darüber diskutiert. Das war damals ganz neu.
    Ich lese die ZEIT heute noch gerne. Aber ich liebe auch den ohrenkuss, weil er einmalig ist. So kurz, knapp und präzise kann das keine andere Zeitung.
    Vielen Dank für den Bericht über eurer spannendes Treffen! Hat mich gefreut, davon zu lesen.
    Eure Mama Inger

  4. nun schreiben wir dir wieder – hoffentlich hast du unseren Brief zwischen all den Postwurfsendungen auch gefunden und nicht gleich entsorgt. Einige der Reklameblätter kann man ja noch zum Fischeinwickeln gebrauchen, aber manche taugen auch dafür nicht, nicht mal für Tante Meier – die sind zu glatt und färben auch noch! Die große Flut kommt erst noch, der Kampf hat noch nicht so recht begonnen: Demnächst haben wir die Wahl. Schon wieder die Wahl – fragt sich nur, welche. In der Zoologie kennt man die Blauwahl (immer montags), die Narrwahl (früher meist nur in Bonn, danach bisweilen in Berlin, heute ab und an in Kiel), die Glattwahl (selten geworden, einige Kubikmeter gibt es noch im wolfgängischen und einige im gregorianischen Gysien), die südliche Schwarzwahl (in Bayern häufig) und die Karnewahl (verbreitet im Rheinischen). Dann gab’s noch die Henrywahl, aber die ist verschieden und ohne Sorge; die gab’s sowieso nur im Norden, weil platt. Und was erwartet uns also am 6. Mai? Hoffentlich keine Misswahl – dann schon lieber eine Miss-Wahl. Geh wählen, Hein! Wer nicht wählt, kann hinterher auch nicht meckern, wenn ihm das Ergebnis nicht schmeckt – klaro?

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