Ohrenkuss-Interview mit Wiglaf Droste (2003)

Wiglaf DrosteIch wusste, die harten Fragen kommen noch…

Wie heißen Sie denn?
Ich heiße Wiglaf Droste.
Wo sind Sie geboren? In welcher Stadt?
Ich bin in Herford in Westfalen geboren.
Wie alt sind Sie?
Ich bin 1961 geboren.
Haben Sie überhaupt Kinder?
Ich habe einen Sohn.
Aha. Interessant. Wie alt sind die Kinder?
Mein Sohn ist elf und er heißt Finn (Das Interview fand im Februar 2003 statt; mittlerweile ist Finn 20). Finn.
Haben die Kinder Down-Syndrom?
Nein.
Gehen die Kinder zur Schule?
Ja.
Oder Kindergarten?
Nein, nicht mehr in den Kindergarten – mit elf dann doch in die Schule.
Doch in die Schule, na dann herzlichen Glückwunsch. Haben Sie einen Neffen? Oder einen Vetter? Eine Nichte? Haben Sie Cousinen?
O je, was ist ein Neffe, ein Neffe wäre jetzt…?
Ein Sohn von einem Geschwister.
Ach so, ja dann habe ich zwei Neffen, und wie heißt das Mädchen..
Nichte.
Ja dann habe ich eine Nichte und zwei Neffen. Und was ist jetzt noch mal ein Vetter?
Vetter ist genau wie ein Cousin.
Was ist das noch mal? Ich kenne mich in Familiensachen so gar nicht aus.
Der Sohn von einer Tante.
Dann habe ich auch tatsächlich einen Vetter.
Haben Sie ein Handy?
Wir haben es eben alle schon gehört.
Ja. Haben Sie eine Schwester?
Nein.
Haben Sie Brüder?
Ich habe zwei Brüder, ja.
Wo wohnen Sie denn?
Wo ich wohne? Ich wohne in Berlin, seit 19 1/2 Jahren (mittlerweile sind es gut 20 Jahre geworden, bald gibt es einen Orden).
Kochen Sie gerne? Und was kochen Sie?
Ich koche sehr gerne, und ich koche eigentlich alles das, was die Passivköche, also die Esser sich wünschen und dann auch gerne essen. Ich richte mich ganz nach den Wünschen der Leute, für die ich koche.
Was ist dein Lieblingsessen?
Es gibt so viele. Auf jeden Fall alles, was mein Freund Vincent Klink kocht. Das schmeckt alles gottvoll.
Vielleicht als Kind?
Als Kind habe ich unglaublich gerne Arme Ritter gegessen, das sind Bratbrote. Die hat meine Oma gemacht: Weißbrot in der Pfanne in Butter braten und mit Zucker bestreuen. Mein Erwachsenengeschmack hat sich zum Glück weiterentwickelt.
Was ist ihre Lieblingsfarbe? Vielleicht auch als Kind?
Eigentlich die Augenfarbe meiner Freundin. Da gibt es nicht so viele Möglichkeiten.
Welche Musik hören Sie gerne?
Wenn ich das Radio einschalte, eigentlich überhaupt keine mehr. Wenn ich freiwillig aussuchen darf, was ich höre, höre ich sehr gerne Johnny Cash, Neil Young, Van Morrison, Bob Dylan, Tom Waits, Fink, Funny van Dannen und manchmal die Ärzte.
Was lesen Sie gerne?
Ich lese sehr gerne Gedichte, von Peter Hacks, auch von Christian Morgenstern, F.W. Bernstein, Robert Gernhardt, Joachim Ringelnatz… Gerade lese ich einen wunderbaren Roman, den hat ein Freund von mir geschrieben, Tom Wolf, “Schwefelgelb” heißt der Roman, der spielt zur Zeit Friedrich des Großen, die Hauptfigur ist ein kriminalistisch orientierter Koch, der unserem Freund Vincent Klink nachempfunden ist… Dann lese ich gerade ein komisches Drama von Christian Friedrich Grabbe, “Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung”, das ist unglaublich lustig. Darin wird zum Beispiel beschrieben, wie man es schafft, in der Welt als unglaublich klug und intelligent zu gelten. Der Schulmeister erklärt das einem seiner Schüler und sagt (W.D.liest vor)Ich will dir sagen, wie du es machen musst, um dich genial zu stellen. Du musst entweder völlig das Maul halten. Dann denken sie: Donnerwetter, der muss viel zu verschweigen haben, denn er sagt kein Wort. Oder du musst verrücktes Zeug reden. Dann denken sie: Donnerwetter, der muss etwas Tiefsinniges gesagt haben, denn wir, die wir sonst alles verstehen, verstehen es nicht. Und den zweiten Satz davon haben fast alle Schriftsteller, die zur Zeit in Mode sind, sehr gut verstanden und begriffen und machen es genauso. Anders wäre der Erfolg von Durs Grünbein gar nicht zu erklären.
Haben Sie ein selbstgeschriebenes Lieblingsbuch?
Meine Lieblingsbücher haben bisher doch andere Leute geschrieben: Huckleberry Finn von Mark Twain, Rattus Rex von Colin McLaren, Tobias Knopp von Wilhelm Busch …
Wo arbeiten Sie denn?
Ich schreibe zuhause oder unterwegs, also zum Beispiel im Zug. Ich muss also nicht mehr in eine Zeitungsredaktion gehen und mich mit Leuten rumstreiten.
Schreiben Sie in Computer?
Ja (W.D. zeigt seinen Laptop): Das ist hier mein kleines Schreibgerät. Wirklich sehr schön, damit arbeite ich. Ich habe mich so daran gewöhnt, dass ich mit der Schreibmaschine nicht mehr schreiben kann. Wenn ich nicht mit dem Computer schreibe, dann schreibe ich mit der Hand.
Was schreiben Sie denn?
Ich schreibe Gedichte und Lieder, die werden von Musikern vertont, und die singen wir dann zusammen, ich schreibe Zeitungsartikel und längere Aufsätze für Zeitschriften und Beiträge für’s Radio, oft für den Westdeutschen Rundfunk in Köln, die ich dann auch selber spreche. Und meine Verlegerin möchte dringend, dass ich eine Liebesgeschichte schreibe, und vielleicht mache ich das auch.
Wie viele Bücher verkaufen Sie?
Ich wusste, die harten Fragen kommen noch. Das ist unterschiedlich, ich habe zehn oder zwölf Bücher veröffentlicht, das meistverkaufte Buch 20.000 mal, das wenigste 6.000 mal.
Haben Sie ein Konto?
Ja, ich habe ein Sparkassenkonto, ein Postgirokonto und auch noch ein Schweizer Postgirokonto, weil ich für eine Zeitschrift in der Schweiz arbeite. Der Verleger dort hat mich gefragt, ob er das schöne Schweizer Geld in den hässlichen Euro umwechseln soll oder ob ich in der Schweiz ein Konto eröffnen möchte. Die Schweizer lieben ihr Geld nämlich sehr, sie lieben es sogar körperlich, und deswegen habe ich jetzt drei Konten.
Ist Schreiben für Sie Arbeit? Ist es schwer?
Es ist das, was ich neben wenigem anderen am allerliebsten tue. Es ist trotzdem auch Arbeit, weil beim Schreiben … das Material nicht immer so gefügig ist, wie man es gerne hätte. Sprache ist ja eine Mischung aus Melodie und Rhythmus und Thema. Diese Sachen kommen zusammen, die muss man in dierichtige Form bringen. Manchmal ist das Material schwergängig, manchmal ist auch der Dichter nicht im Vollbesitz seiner dichterischen Kräfte, und manchmal kommt es nicht zusammen. Schwer ist es, dass es am Ende so klingt, als wäre es federleicht gewesen, als hätte es gar keine Mühe gemacht. Das ist das Schwerste: der Schweiß, den man nicht merken darf.
Ist Schreiben für Sie interessant?
Interessant ist das falsche Wort. Das wäre so, wenn man fragt: Finden Sie Ihre Freundin interessant? Interessant trifft es nicht. Das geht weiter, das geht viel tiefer als interessant. Ich glaube nicht, dass Liebe interessant ist. Das scheint mir das falsche Adjektiv zu sein. Ich glaube, damit habe ich das beantwortet.
Sind Sie vor einer Lesung aufgeregt?
Eben war ich’s nicht.
Ja, das ist gut.
Weil eben alle anderen auch schon vorher gelesen hatten. Manchmal bin ich aufgeregt, manchmal nicht, das ist sehr unter-schiedlich. Es ist gut, wenn man ein bisschen aufgeregt ist, dann bemerkt man besser, was man macht.
Haben Sie Lampenfieber?
Lampenfieber, das ist ja dasselbe. Manchmal habe ich schon Lampenfieber, aber es gibt Leute, die haben viel mehr Lampenfieber als ich. Eine Kollegin hat mich mal auf Knien vor einem gemeinsamen Auftritt angefleht…
Oh, lala…
… wenn ich das alleine machte, dann würde sie mir das Honorar für ihren nächsten Roman geben, wenn sie nicht auftreten müsste. Das war Simone Borowiak, aber leider war ich nicht herzlos genug, sonst wäre ich jetzt so richtig reich.
Ist Schreiben sehr wichtig als Beruf oder nicht?
Für mich ist es mein Leben, das, was ich am besten kann. Es ist die Möglichkeit, es ganz alleine, nur mit seinem Computer, mit der ganzen Welt aufzunehmen. Das ist großartig. Was nicht heißt, dass andere Berufe unwichtiger sind. Funny van Dannen singt: Künstler sind nicht unwichtig, aber Bäcker sind viel wichtiger. Ab und zu sollte man den Standpunktwechseln und etwas anderes tun. Aber als Schriftsteller hat man unglaubliche Möglichkeiten, die man in anderen Berufen so nicht hat.
Kennen Sie Ohrenkuss? Wie finden Sie Ohrenkuss?
Aaah, jetzt gilt es, charmant zu sein. Ich habe die Hefte von Katja de Bragança bekommen und zwei Hefte auch ganz gelesen. Das eine ging über Liebe und Sex, das andere über Musik. Das hat mir teilweise sehr gut gefallen. Was manchmal sehr verblüfft, ist die Freizügigkeit und Offenheit, mit der intime Sachen angesprochen werden. Es gibt ja leider sehr viel bedrucktes Papier, und das meiste, das man am Kiosk kaufen kann, braucht kein Mensch, das brauche ich nicht, und ich bin jetzt klugdreist genug zu sagen, es brauchen auch andere Leute keine acht Yachtzeitungen. Davon unterscheidet sich Ohrenkuss auf alle Fälle wohltuend, soweit ich das nach dieser kurzen Begutachtung sagen kann.
Ohrenkuss bedeutet, es kommt ganz viel da rein, und das meiste wieder raus, und das Wichtige bleibt im Kopf, ein Ohrenkuss. Meinen Sie auch: Schreiben heißt: Ohrenkuss …da rein, da raus? Also nur das Wichtige schreiben?
Das weiß man beim Schreiben zuerst noch gar nicht, was übrig bleibt. Nein, ich glaube nicht, dass es sehr klug ist, frühzeitig auszusortieren, also die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen, wie das so heißt. Das ist ja eher so eine Deutschlehrerart, das Geschriebene zu betrachten, also was ist gut und was ist nicht gut. Immer muss man aussuchen, aber man muss es erst mal alles aufschreiben, dann muss man es liegen lassen und dann kuckt man es sich an. Und dann sieht man schon, was nebensächlich ist, was von der Idee wegführt und dann sieht man auch, was schön ist, was übrig bleibt.
Danke für das Interview.