Gewonnen hat die Liebe

MENSCH 11/2003, Thema Liebe

Beitrag der Ohrenkuss-Redaktion für das Magazin der Aktion Mensch

Fotos: Michael Bause, Bonn

Menschen mit Down-Syndrom machen eine Hoch-Zeit-ung

Zusammengestellt von Katja de Bragança mit Texten von Angela Baltzer, Hermine Fraas, Svenja Giesler, Michael Häger, Julia Keller, Michaela Koenig, Björn Langenfeld, Marc Lohmann, Antonio Nodal, Karoline Spielberg und Gertrudis Zimmermann

  Gewonnen hat die Liebe

Meine eigenen Wunschträume

von Hermine Fraas

Und mein Traum in der Nacht wäre mit Dir zusammen in einem Flugzeug in die Lüfte zu fliegen.
Das wäre von meinem Gefühl her wunderschön, und ich glaube auch daran.
Und das ist die Schwerelosigkeit der Piloten. Und das ist auch ein schönes Gefühl, und das ist nachgewiesen worden.
Das möchte ich mit Dir zusammen ausprobieren, wenn es geht. Und das wäre auch meine Traumwelt, Ich träume viel von Dir …
Für mich bist Du mein Stern der vom Himmel gefallen ist und mein Prinz der mich zum Leben erweckt hat.

Es ist Liebe

von Svenja Giesler

Aus dem Herzen kommt
die Wärme
man ist verliebt
man weiß Genau das man den richtigen hat Okay, wir stimmen ab: mit welchem Thema wollen wir beginnen, jeder hat zwei Stimmen. Angela, führst du die Strichliste? Es wird abgestimmt, der erste Wahlgang – die Spannung steigt – und dann der zweite – welcher Vorschlag wird durchkommen? Angela Fritzen liest das Ergebnis vor: Gewonnen hat die Liebe und die Hoch-Zeit-ung, dann das Essen, das Geheimnisvolle (Akte-X) und als viertes das Thema Reisen – Afrika. Ein historischer Moment, die Reihenfolge der ersten vier Ausgaben des Ohrenkuss Magazins ist demokratisch festgelegt worden.

Das wichtigste Thema der Welt – sogar noch vor dem Essen – ist also die Liebe. Das geht allen Menschen so, auch den Redaktionsmitgliedern des Magazins Ohrenkuss. Wie wird weiter vorgegangen? Den AußenkorrespondentInnen (alles Personen mit dem Down-Syndrom) bekommen das Thema “Liebe” und eine Einsendefrist mitgeteilt. In den folgenden Wochen trifft sich die Redaktionsgruppe regelmäßig und schreibt Texte zum Thema.

Das Drehbuch zu einem Liebesfotoroman wird im Wiener Café Demel geschrieben, Autoren sind Michaela Koenig (Anne) und Marc Lohmann (Olaf).

(Anne)
Der Mann kommt in das Café, er schaut sich um, Anne sieht ihn, sie denkt sich, er schaut wirklich wundervoll aus. Anne wirkte ein wenig nervös, sie dachte er ist sehr süß. Er schaut einfach brilliant aus, dachte Anne, den müßte ich ansprechen, er schaut so durstig aus, warum ist er so allein? dachte Anne. Er braucht sicher nur eine Aufmunterung. Dachte sich Anne, er braucht ganz sicher eine Freundin, mit der reden kann, das dachte sie sich auch, mit der er wieder lachen kann.
(Olaf)
Ich will was trinken, vorbestellen, unterhalten über Liebe. Anschauen – wie der Kellner Getränke und Essenssachen hinstellt. Ich habe Durst, ich will Witze erzählen.
(Anne)
Er kommt an ihren Tisch und fragt, ob noch ein Platz frei ist, Anne denkt sich, ich werde ihm einen Platz anbieten, Anne denkt sich, was wird er sich bestellen? Hoffentlich keinen Alkohol, einen Alkoholiker würde sie sich nicht als Freund nehmen. Anne denkt sich, er wäre ganz sicher ihr Typ. Anne sagt: Bitte setzen Sie sich zu mir. Sie denkt, er gefällt mir sehr gut, er ist sehr interessant, er ist wunderschön. Anne fragt: Was machen Sie so privat in Ihrer Freizeit? Ich reite sehr gerne, Sie auch? Schwimmen Sie auch gerne? Ich schwimme sehr gerne, ich gehe Montags und Dienstags schwimmen, bei Wettkämpfen trete ich auch auf, das ist sehr interessant, was finden Sie!
(Olaf)
Kann ich mich hinsetzen, Anne sagt dann JA, ich denke: roter Pullover, rotes Kleid ist schön, die blauen Augen sind schön. Die Frau sieht nett und höflich aus.
(Anne)
Er setzt sich hin und bestellt einen Kakao, die beiden sprechen vom Wetter, wie stürmisch das Wetter sein kann, die beiden sprechen vom Segeln, wie schön die Segelboote über das Wasser gleiten, aber der Wind treibt die Segelboote voran. Anne denkt, er mag meine Interessen, das gefällt mir. Sie denkt noch, daß sie gerne ihre Interessen mit ihm teilen möchte, sie findet ihn sehr interessant, Anne denkt sich, sie möchte ihr ganzes Leben mit ihm verbringen und mit ihm glücklich werden. Sie schauen sich in die Augen, Anne sagte:Wenn ich Dich so ansehe, werde ganz schwach, aber so schmelze ich dahin! Anne denkt sich, wie er mich so ansieht, habe ich das Gefühl er zieht mich mit seinen Augen aus. Das ist ein schönes Gefühl, jemanden so in die Augen sehen zu können.
(Olaf)
Und dann ging es los, über Liebe Wollen wir etwas essen, zusammen sein? Anne sagt: Mit meinem Freund zusammen, der heißt Jürgen. Ich bestelle mir einen Kakao mit Sahne. Ich frage sie: Wollen wir zusammen ausgehen ins Restaurant abends um acht, um zwanzig Uhr? Anne sagt: Um zwanzig Uhr gehen wir essen.Ich heiße Olaf, und mit Nachnamen Büß, Olaf Büß. Ich lebe in Bonn und bin 1980 geboren.In Wien mache ich Holzarbeit mit Peter, Pöt, an der Arche Noah. Ich denke: Arbeiten macht mir Spaß. Ich wünsche mir: Sex zum Kinderkriegen. Streicheln, Kuscheln, Schmusen, ineinander umzugehen wie Liebe geht. Du bist freundlich und hast mit einer schönen Stimme gesprochen. Anne sagt, sie freut sich ziemlich, sie lächelt und antwortet mir: Wollen wir schon Fernsehen gucken?Fußball Bundesliga, Borrussia Dortmund gegen Schalke 04?Ja. Wir gucken uns in die Augen, tief in die Augen. … Ringe anziehen am Finger … ernst unterhalten … Bier trinken, Frühkölsch … Händchenhalten ganz langsam die Hände … am Arm und am Bauch streicheln … auf dem Rücken und am Bein, am Arsch streicheln und was spielen – Mühle – und Mensch ärgere Dich nicht spielen. Du hast so weiche Haut. berühren sich … Fingernägel sind kurz … es ist aufregend
(Anne)
…Sie stehen auf, sie sagen sich: Olaf ich hoffe wir sehen uns bald wieder, Anne ich hoffe auch, daß wir uns bald wieder sehen werden, bis bald Olaf bis bald Anne.

Derweil arbeitet die Bonner Redaktion an dem “Spiel zur Liebe”, es wird entworfen und getestet – und am Ende auch gedruckt der ersten Ohrenkuss Hoch-Zeit-ung beigelegt. Das hat den zensorgünstigen Vorteil, dass es auch raus genommen werden kann, wenn das Heft der Oma zu Weihnachten geschenkt werden soll: es ist ja noch immer so, dass vielen Menschen mit dem Down-Syndrom von ihrer Umwelt das Recht auf Liebe (wenn es nicht gerade die Herkunftsfamilie oder den Hamster betrifft) und das Recht auf Sexualität abgesprochen wird.

Die Liebe ist ein so privates Thema, das (oft verwehrte) Recht die Liebe in Freiheit zu leben ist aber sehr wohl ein politisches. Hermine Fraas Ich habe es schon mal gehört, dass Ohrenkuss auch so etwas gibt und das ist auch ein Knutschfleck und das ist eine Liebkosung und wenn man sich sehr lieb hat.

Karoline Spielberg
Ich liebe Sternschnuppen / Ich liebe dich / Ich liebe meine Heimat, da bin ich geboren / Ich liebe der Wolfgang und der Monika / Mein Lieblingsessen ist Hamburger und Pommes / Ich liebe Adventsfeier / Ich liebe zusammen Abschiedsessen gehen / Ich liebe Tiere. (*)
Gertrudis Zimmermann
Liebe ist wie Flötenmusik / Liebe ist wie eine Sonnenblume / Liebe ist wie ein Kuschelbär / Liebe ist wie ein Hüpftanz / Liebe ist wie eine Trommel / Liebe ist wie die Farbe grün / Liebe ist wie die Sterne und der Mond / Liebe ist wie Regenwetter. (*)
Julia Keller
Liebe bedeutet für mich: (1) Mit einem Jungen zusammen zu sein, der immer für mich da ist. (2) Ich wünsche mir mit meinem Freund viel zu erleben, Spaß zu haben und viele Dinge gemeinsam zu erleben. (3) Die Liebe ist etwas verrücktes z. B. wenn es im Bauch kribbelt, als hätte man 1000 Schmetterlinge im Bauch. (4) Das Verliebtsein kommt von alleine, ich finde es aber ganz besonders schwierig einen nichtbehinderten und gutaussehenden Jungen zu finden. Ich wünsche mir einen Freund, der keine Behinderung hat. Ich hatte mich schon öfter (in) Jungen verliebt, aber nur zwei hatte ich richtig geliebt. Ich finde, ich habe es nicht leicht mit Jungen.
Antonio Nodal
Liebe Herz / Ich möchte der Liebe Leben lang / Schön Lied heißt Sevilla / Liebe heißt Barcelona / Liebe heißt Madrid / Liebe heißt Valencia! / Gute Nacht, schlaf gut / Liebe der schöne Leute, Mann und Frau / Ich bitte Gott der Herr die gute Nacht – gut. (*)
Björn Langenfeld
Sehnsucht / Ich mag dich gerne / Heimweh / Liebe ist: Angie Baltzer / Ich habe Lotto gewonnen. Ich möchte gerne Hochzeitsreise / Schwanger, Kind haben / Ich muss ein bisschen weinen, glücklich und Freude. (*)
Angela Fritzen
Liebe ist sehr wichtig / Liebe macht glücklich / Liebeskummer, my Darling – Oh no! / Ich liebe meine Familie vom Herzen und Glück / Liebe ist: Ohrenkuss-Team / Liebe macht die Sünde sein / Ich liebe euch alle, finde ich sehr gut / Liebe ist sehr schön. (*)
Angela Baltzer
Ich will nicht trennen lassen, ich mit ihm zusammen sein, aus Liebe / Eine Traumhochzeit feiern / Ich will Ehepaarring haben / Traumhochzeit mit mein Schatz feiern / Ich liebe
Björn Langenfeld
Ich liebe dich so sehr am Herzen / Ich will mit meine Freund Björn und ich Hochzeitsreise mitmachen / Ich will schwanger werden / Ich darf mit ihm zusammen schlafen / Ich will mit meine Freund in Kai Pflaume RTL “Nur die Liebe zählt“ / Ich liebe Björn Langenfeld so sehr vom Herzen und träume. (*)
Michael Häger
Liebe / Ich brauche Leben / Schau mich an / Hochzeitsnacht / Standesamt / Mein Herzblatt / Herzblatt Liebe / Eine nette Frau / Mann und Frau / Ich brauche Dich / Hochzeitspferd / Eine nette Frau zieht sich das Kleid an (*)
Michaela Koenig
Wie geht man mit Liebeskummer um? Das ist einfach zu beschreiben, man fühlt sich richtig ausgelaugt. Das tut mir drinnen richtig weh. Man kann nicht schlafen und nicht essen. Man ist mit den Nerven richtig am Ende. Man ist ungewaschen, liegt nur noch im Bett. Da raucht man eine nach der andern. Da ist man traurig, man weint sich die Augen aus, da ist man down, daneben und zerstreut. Da arbeitet man fast gar nicht. Da weint man den ganzen Tag. Man sollte eigentlich ein bisschen in die frische Luft raus gehen, dabei richtig durchatmen. Da muss man an etwas anderes denken, auch wenn es weh tut. Das dauert insgesamt ein paar Tage, bis man sich gefangen hat. Dann arbeitet man wieder mit sehr viel Freude und Energie …

Anmerkung:
Die Texte der Ohrenkuss-Autoren werden unverändert abgedruckt, wenn sie selber geschrieben worden sind. Einige Beiträge wurden diktiert (*) oder in kursiver Schrift ergänzt.
SchreibassistentInnen: Brigit Mosimann, Susanne Ritz und Martin Thelemann.