SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 15./16. Juli 2000

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

15./16. Juli 2000

Besuch bei einer ganz besonderen Redaktionskonferenz:
Das Magazin “Ohrenkuss” wird von Jugendlichen mit Down-Syndrom gemacht

Von Guido Eckert

Liebe ist eine Katze und ein Hund, und Kaninchen mit großen, langen Ohren. Liebe ist Schokoladeneis, Vanille und Erdbeeren mit Sahne. Und Lachen. Und wir lachen oft, an diesem Nachmittag. Dabei ist es eine Redaktionssitzung.

“Liebe…”

Engagierte Redakteure sitzen um einen großen Tisch versammelt und lesen Geschichten und Briefe. Das unterscheidet sich wohl von keiner anderen Zeitschrift irgendwo auf der Welt. Und trotzdem ist dieses Zusammentreffen bei der Ohrenkuss-Redaktion in Bonn ungewöhnlich. Man sagt nämlich über die Autoren, sie seien eigentlich nicht fähig, zu schreiben und zu lesen. Sie seien erst recht nicht in der Lage, über Liebe zu reden, oder sich nach Liebe zu verzehren. Sogar die eigenen Eltern haben das teilweise geglaubt und waren deswegen anfänglich gegen die Zeitschrift. Inzwischen sind sie natürlich stolz. Ihre Kinder sind nämlich behindert. Sie haben das sogenannte Down-Syndrom.

Vielen Menschen ist diese Behinderung immer noch unter dem Begriff “Mongolismus” bekannt. Das war auch über Jahre hin der offiziell verwendete Begriff, obwohl sich eine mongolische Delegation schon in den sechziger Jahren dagegen verwahrte. Aber erst ungefähr zehn Jahre später, nachdem führende Genetiker in Lancet, einer der wichtigsten medizinischen Fachzeitschriften, gegen diese Bezeichnung protestierten, wurde die Behinderung nach dem Forscher John Haydon Langdon Down (1828-1896) benannt.

Ohrenkuss nun ist aus einem Forschungsprojekt entstanden, um all diese Aspekte einmal zu bündeln. Finanziell unterstützt von der Volkswagenstiftung, leitete Katja de Bragança am Medizinisch-Historischen Institut der Universität Bonn dieses einmalige Vorhaben: Menschen mit Down-Syndrom wie erleben sie die Welt, wie erlebt die Welt Menschen mit Down-Syndrom.

“Liebe…“

Svenja Geissler (19) beschreibt seitdem solche Erlebnisse. Sie ist in der Redaktionsmannschaft die Dichterin, auch mit dem Habitus und den Allüren einer Diva. Sie hat inzwischen einen Gedichtband veröffentlicht “Sehnsucht in mir” –, der in der zweiten Auflage erschienen ist. Wenn sie nun in der Redaktionsrunde etwas vorlesen soll, dann streicht sie erst ihre blonden Haare zurück und atmet anschließend tief durch. Und wenn sie zu lesen beginnt, dann wird augenblicklich jegliche Barriere abgebaut. In ihrem Ringen um den richtigen Reim erkennt man den gleichen Willen zur Formgebung, der weltweit Schriftsteller und Dichter aller Klassen und Völker antreibt, aufbaut, auffrisst und es sind die gleichen Inhalte.

Okay sagt sie zwischen den Strophen. Und dann fügt sie noch an, dass Gedichte “Seelentröster” seien, in einem unpathetischen Sinne, und sie beschreibt die Blicke der anderen Menschen auf der Straße. Tagtägliche. Mensch mit Down-Syndrom sind sehr sensibel. Tagtäglich werden sie beobachtet und erkannt und jeder Passant klassifiziert sie mit einem einzigen Blick. Selbst die Kinder in dem Hort, in dem Svenja ein Praktikum macht, necken sie. Weil diese Kinder vorher einen solchen Menschen noch nie wahrgenommen haben. Svenja sei zu dick, sagen die Kinder. Und das tut weh. Svenja sähe blöd aus, sagen sie manchmal. Das schmerzt noch tiefer. Aber Svenja kann es nicht ändern, sie kann nicht einmal richtig toben oder brüllen. Nun schreibt sie wenigstens darüber.

Alle 14 Tage versammeln sich die Poeten in einem kargen Redaktionsraum zum Schreiben. Acht aufrechte Redaktionsmitglieder und drei Betreuer schreiben, reden, prüfen. Die gebilligten Texte werden anschließend von der Grafikerin Maya Hässig wie ein Trendmagazin aus London aufbereitet. Mit schrägen Schraffuren und einer ungewöhnlichen Heftgestaltung. Zweimal im Jahr erscheint dann ein neues Themenheft. Und das soll lange so weitergehen sofern auch zukünftig noch Geld da ist.

Brigit Mosimann, 43, eine der ehrenamtlichen Betreuerinnen, ist diesbezüglich allerdings skeptisch. Wenn sich nicht neue Abonnenten oder Förderer finden, ist das einmalige Projekt am Boden. Eine wertvolle Finanzspritze war bislang, nach der Unterstützung durch die Volkswagenstiftung, der Förderpreis “Demokratie leben” des Deutschen Bundestags, den Rita Süßmuth in Berlin verlieh. Und dabei könnten schon 800 Abonnenten das Überleben sichern.

Die anwesende Sommerferienrumpfredaktion will jetzt über solche Untergangszenarien nicht nachdenken und brütet stattdessen über dem nächsten Themenheft. Lachend brütet Marc Lohmann (19) der sportbegeisterte, der am liebsten Basketball und Fußball spielt, der Sonnyboy mit seinem anstecken Lachen, dessen Lieblingswort “cool” ist. Marc ist für die Reportagen zuständig. Er spielt aber auch Theater und Schlagzeug. Neben ihm brütet Michael Häger (27) ein verschlagener Clown, der das Spiel mit Sprache und Silben liebt und ansonsten gerne seine Hochzeit vorbereiten möchte. Michael hat den Untertitel des Magazins vorgeschlagen, und baut ihn nun in fast alle Geschichten ein. “Ohrenkuss …da rein, da raus.”

Eher zurückhaltend brütet hingegen Angela Fritzen (29), die Älteste im heutigen Team. Sie bringt den Haufen immer wieder zurück zum Thema, wenn die Streiter statt über das nächste Heft lieber über Gott und die Welt reden und lästern. Angela ist zudem die Schatzmeisterin der Redaktion und schreibt am liebsten schnörkellose Berichte.

Aus diesen knappen Persönlichkeitsskizzen lässt sich erahnen, dass eine Text-Diskussion bei Ohrenkuss nicht anders verläuft als im “Literarischen Quartett”. Oh, es geht mitunter ganz schön zu Sache sagt Brigit Mosimann. Behinderte Menschen sind schließlich vor allem Menschen und nicht liebe Schnecken, die den ganzen Tag über zutraulich lächeln. Sinnlose Glückseligkeit bei Menschen mit Down-Syndrom ist wohl genau so ein Klischee, wie die oft wiederholte Vermutung, sie könnten weder lesen noch schreiben. Dieses Vorurteil hat jedoch einen realen Hintergrund: in den meisten Behinderten-Werkstätten werden Schreiben und Lesen nicht benötigt, deshalb auch nicht gefördert und deshalb irgendwann auch vergessen. Wie es in Deutschland tagtäglich aber auch in Tausenden normalen Werkstätten und Büros geschieht.

Die Ohrenkuss-Redaktion hat sich trotzdem darauf geeinigt, dass die gemeinschaftlich erarbeiteten Texte in der Druckfassung nicht mehr korrigiert werden. Entstanden sind eben Texte von Menschen mit Down-Syndrom, somit für Normalos mitunter etwas eigenwillig in Grammatik, Orthografie und Satzstellung. Genauso ungewöhnlich ist auch der Horizont des Magazins. Mal geht es um “Akte X”, um Afrika, um Gesundheit oder um Sex und Liebe.

Eine Bombe. Ein Tabuthema Sex unter Behinderten. Das umfasst nicht nur eine verständnislose “Öffentlichkeit”, sondern auch heftige Reaktionen der Eltern. Für Brigit Mosimann war diese vermeintliche Provokation aber “das beste Heft”, zudem war es das begehrteste Thema der Redaktion. Sex und Liebe, genau darüber wollten die Redaktionsmitglieder schreiben und lesen, und sich austauschen. Schließlich gibt es auch Paare mit Down-Syndrom, die sich treffen und sich besuchen. Und schließlich gibt es diese Wünsche und Gefühle.

Was ist mir am Schreiben wichtig fragt Brigit Mosimann heute abschließend die Runde. Meist gibt es immer erst am Donnerstag eine Gesprächsrunde, in der alle durcheinander reden und erzählen, was sie in der Zwischenzeit erlebt haben. Dann werden die Texte von den zahlreichen Außenmitarbeitern gelesen und besprochen. In vielen Städten, vor allem in Frankfurt, Wien und Köln, leben Behinderte mit Down-Syndrom, die inzwischen ihre Gedanken an die Redaktion von Ohrenkuss schicken. Ein gewisser Tobias mailt sogar auf Englisch. Bis vor zwei Jahren hat er in München gelebt, jetzt geht er in den USA auf eine High-School. Und zum Schluss wird geschrieben.

Also… sagt Brigit Mosimann noch einmal, was ist mir am Schreiben wichtig. Daraufhin senken die Poeten ihre Köpfe und horchen in ihr Innenleben. Ohrenkuss ist XXL sagt Michael und lächelt süffisant, mag aber den weiteren Text nicht vorlesen, den er einer Betreuerin diktiert hat, bis ihn die resolute Angela hartnäckig ermuntert: Du kannst es! – Ohrenkuss ist Liebe… setzt ausgerechnet Marc nach und liest flüssig von seinem Zettel. Selbstgeschrieben. Das geht ins Kopf rein… ergänzt Angela. Und Svenja lacht: Es ist wichtig, dass man über die Liebe redet. Und es ist schön, zusammen zu sitzen. Und es ist ein gutes Gefühl. Wir lachen.

Dann essen wir zwei Brötchen. Essen ist ein neues Ritual in der Gruppe geworden, und das nicht nur wegen des Gemeinschaftsgefühls, sondern auch, weil man einfach Hunger hat. So eine Redaktionssitzung, bis in den Abend hinein, kostet schließlich Kraft. Auf der ganzen Welt wird das so sein. Und überall auf dieser Welt, wo genauso leidenschaftlich gearbeitet wird, weiß man, dass sich über Lieblinsgerichte fast ebenso lange reden lässt wie über die Liebe.

Denn aus dem Herzen kommt die Wärme sagt Svenja und strahlt.