ohrenkuss brennt

zusammen:

Oktober 2003

Ohrenkuss brennt

Erlebte Geschichte: Redaktion inszeniert Bücherverbrennung

Von Martin Thelemann

“Schreiben ist Freiheit“

Svenja Giesler

Es gab Zeiten in Deutschland, da wurde die Freiheit des geschriebenen Wortes auf radikale Weise eingeschränkt, indem man Bücher und Zeitschriften verbrannte. Das Ereignis war für die betroffenen Autoren schmerzhaft und demütigend zugleich. Niemand möchte, dass sein Werk mutwillig von Anderen vernichtet wird. Das Gefühl der Ohnmacht für Außenstehende nur schwer vorstellbar. Dennoch hat das Team des Magazins “Ohrenkuss” versucht, die Erfahrungen und Gefühle dieser Menschen nachzuempfinden.

Es ist einer der ersten kalten Herbsttage in diesem Jahr. Am Bonner Rheinufer haben sich acht Autorinnen und Autoren des Magazins “Ohrenkuss” versammelt. Das Thema der nächsten Ausgabe ihres Magazins wird “Lesen” lauten. Heute will das Team ein einmaliges Experiment wagen, indem es die Verbrennung eigener Texte inszeniert. Dazu wurden vorab einige Texte der Ohrenkuss-Autoren auf 40 m Butterbrotpapier geschrieben und nun werden diese – unterstützt von Helfern – vor Ort an einer langen Leine aufgehängt. Die fünf Frauen und drei Männer erkennen ihre Texte wieder, sie freuen sich darüber, lachen. Einige der Texte hängen verkehrt herum auf dem Kopf und man muss sich ein wenig verdrehen, um sie entziffern zu können. Die Texte machen sich dennoch gut, auch ungestüm flatternd an der gespannten Leine. Die AutorInnen sind zufrieden.

Entsetzt und gelähmt

Wie fühlt man sich eigentlich, wenn eigene Texte gedruckt werden, so dass sie von der ganzen Welt gelesen werden können? Ich fühle mich geehrt. Ich finde das wichtig, dass meine Texte da sind, dass man das lesen kann, sagt Redaktionsmitglied Svenja Giesler. Die anderen stimmen ihr zu. Dann kündigt Projektleiterin Katja de Bragança an, dass sie sich “verwandeln” wird und danach eine andere Person darstellen soll. Sie zieht sich einen großen Hut tief ins Gesicht, setzt sich eine schwarze Sonnenbrille auf und wirft einen langen und dunklen Mantel über die Schultern. Die allen bekannte und vertraute Person “verschwindet” in diesem Augenblick und ein unbekannter Mensch erscheint am Ort. Vor dem dämmrigen Licht der untergehenden Sonne ist der dunkle Umriss der Gestalt ein gespenstisch anmutendes Bild. Kalt bläst der Wind vom Rhein her und lässt die Textfahnen baumeln. Die Autoren sehen fasziniert zu. Dann geht plötzlich alles sehr schnell. Die Person im dunklen Mantel ergreift eine hell lodernde Fackel, die vorher niemand beachtet hat und zündet die Textfahnen an. Im Nu brennen die ersten Texte lichterloh. Einige Autoren weichen zurück und wenden sich ab.Warum macht die das? fragt jemand entgeistert. Aus einigem Abstand sehen die Betroffenen fast ausnahmslos tatenlos und entsetzt zu.

Machtlos

“Begräbniswetter hing über der Stadt”, schrieb Erich Kästner. Auch er musste im Mai 1933 tatenlos zusehen, als seine Bücher zusammen mit den Werken und Zeitschriften zahlreicher anderer bekannter Autoren – darunter u. a. Bertolt Brecht, Siegmund Freud und Ernest Hemingway – verbrannt wurden. Im Zuge der nationalsozialistischen “Machtergreifung” hatte man in ganz Deutschland in einer Aktion gegen den “undeutschen Geist“ Bücher und Zeitschriften ins Feuer geworfen. Und nun – 70 Jahre später – brennt in Bonn der “Ohrenkuss”.

Ich bin unglücklich

Redaktionsmitglied Gertrudis Zimmermann sagt nur zwei Worte: Ohrenkuss brennt. Langsam regt sich erster Unmut in der Gruppe. “Ich will das nicht!“ hört man jemanden sagen. Ich hab Angst vor Feuer! ruft eine andere Stimme. Die Helfer versuchen zu beschwichtigen, die Autoren zu beruhigen. Währenddessen hat bereits mehr als die Hälfte der Textfahnen Feuer gefangen, das warme Licht der Flammen spiegelt sich in den Gesichtern der Betrachter. Verunsichert suchen sie Blickkontakt zueinander und zu den Begleitern. Einige Papierfetzen lösen sich und sinken brennend zu Boden. Du bist nicht mehr meine Freundin ruft Angela Fritzen aufgebracht. Sie macht ein paar Schritte auf die Flammen zu. Wenn meine Texte schon verbrannt werden sollen, dann mache ich es selber. Sie ergreift eine zweite Fackel und beginnt zusammen mit der dunklen Gestalt die Texte zu entzünden. Immer wieder stößt sie die rauchende Fackel in die Papierbögen, bis alle entzündet sind.

Mein Text (der auf der Fahne an der Leine hing) ist ‚Farben‘, ich selbst geschrieben hat. Ich unglücklich bin, ich sehr ängstlich bin ruft Susanne Kümpel. Sie will die Szenerie verlassen, kann aber zum Bleiben ermutigt werden. Susanne Kümpel gehört zu den fünfzig Autorinnen und Autoren von “Ohrenkuss …da rein, da raus”, dem Magazin gemacht von Menschen mit Down-Syndrom.

Sprachrohr “Ohrenkuss”

Das Zeitungsprojekt gibt es seit über fünf Jahren. Besonders für Menschen mit Down-Syndrom, die oftmals in der Gesellschaft kein oder nur eingeschränkt Gehör finden, bietet sich durch das Schreiben und Veröffentlichen der Texte die Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu bekommen, um dadurch die Anerkennung derjenigen zu erlangen, die ihnen eben jene nicht selten vorenthalten. Noch immer geht der Großteil der Gesellschaft davon aus, dass Menschen mit Down-Syndrom nicht wirklich lesen und schreiben können, geschweige denn, dass sie wirklich Kluges oder Interessantes zu sagen hätten …

Aber sie können Interessen, Wünsche und Ängste niederschreiben. Das zeigt das Projekt “Ohrenkuss”. Und sie können ihre Interessen und Wünsche in Form des Magazins auch denjenigen Menschen zugänglich machen, die gewöhnlich keine Gelegenheit haben, mit ihnen ein Gespräch zu führen und mehr über ihr Denken und ihre Bedürfnisse zu erfahren. Wir sind Menschen die auch Gefühle und Ängste haben, wir können auch traurig sein, wir sind auch verletzbare Wesen, genauso wie ihr … sagt Michaela König.

Experiment gelungen?

Es dauert nicht lange, bis das Feuer schließlich alle Texte verzehrt hat, die Verkleidung wieder abgelegt und die Fackeln gelöscht werden. Das Team verlässt aufgewühlt die Stätte des Geschehens, um die Ereignisse an einem neutralen Ort zu besprechen. Hatte man das angestrebte Ziel erreicht? Hatte man geschafft, eine emotionale Ebene anzusprechen, deren Stimulierung konkrete Texte zum Thema Bücherverbrennung provozieren würde? Um Schreiben zu können, bedarf es einer Anregung, eines Impulses. Und wenn irgend möglich, sollte ein solcher Schreibimpuls mehrere Sinne ansprechen, sollte sichtbar, greifbar, vielleicht auch zu riechen und zu schmecken sein. Über unmittelbar Erlebtes zu berichten fällt in der Regel leichter, als sich an etwas zu erinnern. Aber war man in diesem Fall vielleicht zu weit gegangen?

Verlust des Geschriebenen begreifen können

Das ist eine Straftat, das darf man nicht! meint Svenja Giesler. Für sie ist das Verbrennen ihrer Texte eindeutig ein Verbrechen. Und wie du aussahst, das war ziemlich gefährlich für mich. Es wirkte sehr echt. Die Verunsicherung aufgrund der plötzlichen Verwandlung der Projektleiterin in eine finstere Gestalt ist deutlich zu spüren. Und du böse – ich weiß nicht – lieb (Antonio Nodal). Das Erlebte einzuordnen und zu bewerten erscheint schwierig. Zwar hat die Gruppe Abstand genommen und den Ort der Aktion verlassen, die Bedrohlichkeit der Situation scheint aber noch zu präsent, um tatsächlich erinnert werden zu wollen. Und dann hast du Feuer in Hand: Papier angebrannt. Und das ist leider nicht gut sagt Michael Häger.

Wichtig aber ist allen die Erkenntnis, wie viel jedem von ihnen die eigenen Texte bedeuten. Ich liebe meinen Text. Vorlesung macht Spaß. Ich fahre gern bei dir nach Neu-Ulm Vorlesung formuliert Karoline Spielberg, die mit diesem Statement zugleich die Marschrichtung für die Zukunft vorgibt: Weiterhin mit ebenso viel Freude und Engagement wie zuvor das tun, was den meisten von ihnen am wichtigsten ist, nämlich schreiben, damit es andere lesen können und vorlesen, damit andere einem zuhören können.

Zum Abschluss der Aktion sind sich alle einig: DAS machen wir NIE wieder!