Ohrenkuss in München – „Denken kann ich ja sehr gut.“

Ohrenkuss war in München. Bei der Tagung der VHS zum Thema Ins Spiel kommen – Inklusion und öffentlich verantwortete Erwachsenenbildung. Ohrenkuss hat Texte gelesen zum Thema Humor. Und die Autorinnen und Autoren waren eingeladen, als Prozess-Beobachter Teil des Kongresses zu sein. Vorträge und Diskussionen zu hören und ein Fazit dazu zu ziehen.

Das Ohrenkuss-Fazit war: Leider war die Tagung nicht inklusiv. Julia Bertmann, Julian Göpel, Judith Pollmächer und Anna-Lisa Plettenberg haben versucht aufzuschreiben, wie es sich anfühlt, wenn man eingeladen wird – und dann nichts versteht. Dieser Text entstand bei einer gemeinsamen Reflexion im Bistro der Münchner VHS. Anne Leichtfuß hat ihn zusammengestellt und bei der Abschluss-Diskussion in München vorgetragen:

Das Ohrenkuss-Team auf der Bühne in München

Wir bedanken uns bei der Volkshochschule München. Sie haben uns eingeladen, „ins Spiel zu kommen“. Mitzureden bei ihrer Fachtagung zum Thema Erwachsenen-Bildung. Die Frage heute und gestern war: Wie kann es klappen, dass Erwachsenen-Bildung funktioniert – für Menschen mit und ohne Behinderung.

Ein spannendes Thema. Findet auch mein Kollege Julian Göpel. Er hat diktiert:
„Es wurde gesagt: Diskussion mit Entwicklungen.
Das finde ich sinnvoll.
Thema: Erwachsenenbildung.
Bildung für Menschen mit Behinderung und ohne.
Das ist ein spannendes Thema.
Ich will eigentlich mehr wissen.
Das hat heute nicht funktioniert!“

Warum? Er hat versucht es zu erklären:
„Diese Fremdwörter im Vortrag, die kennen wir nicht.
Die muss man erklären.
Zum Beispiel wenn etwas in Englisch ist.
Wir können auch Englisch.
Aber man muss es erklären.
Alle diese Fremdwörter muss man erklären.
Wenn man in einem anderen Land ist.
Und auch in Deutschland.
Wir konnten es nicht kapieren!
Das kann keiner!“

Auch Abkürzungen findet Julian Göpel schwierig. Er diktiert:
„Ich kenne Abkürzungen.
Zum Beispiel das Wort VHS.
Das nennt man Volkshochschule.

Die Abkürzungen WfbM und BRK kenne ich nicht.
Das habe ich nicht kapiert.
„Werkstatt für behinderte Menschen“ – das ist nicht schwer.
Aber keiner hat das gesagt.“

Das hat sich nicht gut angefühlt.
Julians Fazit: „Wir haben kein Wort verstanden.
Wir konnten uns nicht melden.
Das hat sich nicht gut angefühlt.“

Auch meine Kollegin Judith Pollmächer hat sich heute nicht gemeint gefühlt.
Sie hat diktiert: „Ich wünsche mir, dass die auch mit uns reden würden.
Mit einfache Fragen.“

Sie hat benannt, warum die nicht mitkam, während des Vortrags.
Sie sagt: „Ich konnte nicht mitschreiben. Alle haben viel zu schnell geredet.
Und auf den Folien: Das Überschrift war groß genug. Der Rest nicht.
Die Grafik war sehr kompliziert.
Ich konnte das nicht so stark verstehen.
Beinah wollte ich aufstehen und etwas sagen wollen.
Aber ich habe mich nicht getraut.“

Julia Bertmann besucht selbst Kurse bei der Volkshochschule.
Sie kennt sich also damit aus, wie es für sie funktioniert, etwas zu lernen – und wie nicht.
Sie diktiert: „Der erste Vortrag war gut zu verstehen.
Mit vielen Bildern.
Und gut erklärt.
Und es war noch ein Film dabei.

Der zweite Vortrag war schwieriger zu verstehen.
Weil da schwere Wörter drin vorkamen.
Zum Beispiel das Wort Ressourcen.
Und Reflexion.
Da muss man erstmal überlegen: Was versteht man darunter?
Ich frage dann jemanden: Was heißt das?
Dann muss mir jemand erklären, was das für ein Wort ist.

Beim ersten Vortrag habe ich mich gut gefühlt.
Weil ich alles verstanden habe.
Ich konnte mitschreiben und zum Teil auch auswendig schreiben, was gesagt wurde.
Als der Dozent gesprochen hat, konnte ich trotzdem weiterschreiben.
Das war kein Problem.

Beim zweiten Vortrag war es schwierig.
Weil ich meine Assistenz fragen musste.
Ich kannte die Wörter nicht.
Katjas Notizen haben mir geholfen.“

Ohrenkuss hat nach den Vorträgen weitergearbeitet.
Julia Bertmann erklärt, wie:
„Ich habe mich beim zweiten Vortrag unwohl gefühlt.
Die Fremdwörter kannte ich gar nicht.
Und es ging zu schnell.
Ich konnte nicht realisieren, was er meinte.
Daraufhin habe ich gedacht: „Ich muss hier raus.“
Ich habe es nicht gesagt.
Aber Katja hat es gemerkt.
Dann sind wir rausgegangen.
Danach fühlte ich mich wohler.
Hinterher war ich wieder entspannter.
Und wir so gearbeitet haben, wie der Ohrenkuss arbeitet.

Wir haben Getränke geholt und machen dabei eine Reflexion.
Ich habe jetzt gelernt, was das Wort bedeutet:
Wir haben eine Runde gemacht.
Wir reden darüber, wie wir die Vorträge gefunden haben.
Und darüber, wie es uns geht.

Wenn sie Menschen mit Behinderung einladen, dann müssen sie sich auch darauf einstellen.
Sie müssen auch so sprechen, dass man sie verstehen kann.
Aber das fällt den Leuten schwer.

Sie wollten, dass wir als Ohrenkuss eine Lesung machen.
Bei ihrer Fachtagung.
Die Teilnehmer haben gestern Abend versucht, in einfacher Sprache mit uns zu reden.
Die Dozenten heute, die reden meistens in schwerer Sprache.
Und wir Menschen mit Behinderung können das nicht verstehen.

Wenn sich jemand darum kümmert, dass ich mitkomme, fühlt sich das gut an.
Wenn man in einfacher Sprache mit mir spricht.“

Ohrenkuss-Arbeit in München

Anna-Lisa Plettenberg hat zwei Vorträge gehört. Und sie hat mitgeschrieben. Sie berichtet über ihre Erfahrungen:
„Ich habe mitgeschrieben, weil es interessant war für mich.
Im 1. Vortrag war die Sprache einfach für mich.
Beim 2. Vortrag konnte ich es nicht so gut.
Wenn die so schnell gesprochen haben, dann vergesse ich viele Sachen.
Dann kann ich es nicht aufschreiben.
Das war anstrengend zum Hören und für mein Augen.
Dann spinnt das, mein Kopf, dann.

Beim 2. Vortrag war es für mich schwierig zu konzentrieren.
Die 1. Vortrag, das war schöner gewesen.

Ich konnte nicht mehr weiter zuhören nach 2 Vorträgen.
Ich wollte dann raus und alles wieder runterlaufen lassen.
Erstmal entspannen wieder.
Es ist gut, jetzt alles noch mal zu besprechen.
So kann ich es verstehen.
Das interessiert mich ja auch.
Denken kann ich ja sehr gut.

Das ist auch wichtig, dass wir noch mal drüber sprechen.
Damit alle alles wissen.“

Ein Talent meiner Kolleginnen und Kollegen ist es: Sich nicht lange damit aufzuhalten, was nicht geklappt hat. Sondern direkt dazu überzugehen, wie es beim nächsten Mal besser laufen kann. Also haben sie Tipps und Vorschläge formuliert, für die nächste Fachtagung.

Judith Pollmächer hat einen Vorschlag, wie es allen leichter fällt zu äußern, dass man nicht mitkommt oder etwas nicht versteht.
Sie schlägt vor: „Mir ist noch etwas aufgefallen bei dem Vortrag:
Es gab ein Mikrophon.
Das hätte man rumgehen lassen können.
Falls jemand Fragen hat.
Dass man die stellen kann.“

Auch Anna-Lisa Plettenberg hat Tipps.
Sie diktiert: „Nicht so schnell reden. Langsam reden, dass wir alle verstehen können.“

Etwas hat ihr gut gefallen. Das hat gut funktioniert:
„Es war gut, einen Film zu gucken. Oder Fotos.
Da war ich interessiert. Das verstehen alle. Menschen aus allen Ländern.“

Es gibt Menschen, die Assistenz brauchen.
Manchmal liegt klar auf der Hand, was Menschen brauchen.
Das Ohrenkuss-Team hat zusammengefasst:
„Ein Rollstuhlfahrer braucht einen Aufzug.
Menschen, die nicht gut sehen können, brauchen ein Geländer.
Jemand, der nicht gut hören kann, braucht ein Hörgerät.
Wer gar nicht hören kann, braucht einen Gebärden-Dolmetscher.
Das ist Unterstützung.“

Auch Menschen mit Down-Syndrom brauchen Unterstützung.
Sie möchten gesehen werden.
Sich gemeint fühlen.
Ohne es aktiv einfordern zu müssen.

Wir wünschen uns:
Diese Unterstützung muss es auch bei Fachtagungen geben.
Nur dann kann es funktionieren, dass man ins Gespräch kommt.
Über spannende Themen.
Dass sich Dinge bewegen.
Und dass man gemeinsam Ziele erreicht.
Dann sind wir im Spiel.

Ohrenkuss in München

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