Ohrenkuss-Autorinnen und Autoren bei der Lesung mit Wiglaf Droste

Lagerfeld, das ist doch Karneval

Süddeutsche Zeitung / 24.12.2008 / Von Wiglaf Droste

Wer eine Trisomie 21 hat, also 47 Chromosomen statt 46, wurde früher “mongoloid” genannt; das so genannte Normale mit seiner selbstgewissen Ignoranz ordnet und sortiert das Besondere und Abweichende gern ein und urteilt es ab. Die angstgesteuerte Abgrenzung hat Gründe; Leute mit Down-Syndrom verfügen oft über eine ungewöhnliche Fülle von Talenten. Seit zehn Jahren wird in Bonn eine Zeitschrift mit dem Neugier entfachenden Titel «Ohrenkuss …da rein, da raus» produziert. Gründerin und Chefredakteurin Katja de Bragança ist Motor und Seele der Zeitschrift, den Inhalt aber bestimmt die Redaktionsmannschaft. Eine Bevormundung findet nicht statt.

Vor fünf Jahren lud mich die Redaktion zum Interview ein. Mit der üblichen medialen Dunkel- und Dünkelheit hat Ohrenkuss nichts zu tun, ich betrat eine heucheleifreie Zone. Statt Verstellung und Blenderei walten Direktheit und Empfindsamkeit, hier zielt alles auf die Tiefe des Augenblicks. Nach der Begegnung mit mir wurde bilanziert: “Ja also, wenn ich ihn mir so anschaue, es geht so, ist nicht so mein Geschmack, aber seine Antworten waren korrekt.” Korrekt also, Glück gehabt. Mit Wörtern kennen sich alle bei Ohrenkuss aus: “Buchstaben kenne ich wie meine feste Tasche”, schreibt eine Redakteurin.

Der Einblick in die Westentaschen der Downtown-Poeten ist nun auch im großen Stil möglich. Nach zehn produktiven Jahren ist eine üppige Auswahl von Texten und Fotos erschienen. Ohrenkuss – Das Wörterbuch ist ein gut 300 Seiten starkes, pralles, farbiges, leinengebundenes und fadengeheftetes Prachtstück. “Ein Reh ist eine Seele mit vier Beinen”, schreibt Tobias Wolf, und die Morgensterne gehen auf am Firmament und funkeln. Über Muttermilch weiß Björn Langenfeld: “Und dann kommt die Essen. Mutter hat Brust Milch drin. Baby ist gelacht.” Es wäre doch gelacht, wenn dieses Thema kein ergiebiges wäre. Tobias Wolf nimmt den Steilpass auf und vollendet knochentrocken: “Ich habe bei meiner Mama viel Milch getrunken, und später habe ich Chicken Nuggets und Pommes essen können.” Auch beim Stichwort Büffel geht es ohne falsche Töne zur Sache: “Ich habe auf ein Büffel geschossen, mitten auf die Schnauze. Und auf die Augen”, schreibt Angela Fritzen. Und ergänzt: “Der Büffel ist aus Plastik, habe ich geschossen.” Das Foto dieser Autorin, die unter nächtlichem Himmel im Schein einer Stirnlampe Tagebuch schreibt, fängt die Magie des Dichtens in konzentriertester Form ein: Poesie ist ein Leuchtfeuer im Runkeldunkel der Welt. Verblüffend, lustig und geradeheraus wahrheitsorientiert sind die Ohrenküsser sowieso. Angela Baltzer schreibt: “Wir haben keine Betreuer, wir haben Gartenzwerge.” Wo Filmfeuilletonisten quälend lange PR-Arien über angebliche Phänomene singen, braucht Julian Göpel nur ein paar Sätze. Über James Bond sagt er, was zu sagen ist: “Er ist reich. Er wohnt immer in einem großen Hotel mit einer Bar und mit einem Schwimmbad. Und er ist Agent 007 und sieht gut aus. Und das finde ich toll. Er verfolgt die Verbrecher und fährt Sportwagen mit und bekommt auch Frauen ins Bett. Das finde ich super.” Welcher Filmkritiker würde das so schreiben?
Was in den Blick des Dichters fällt, wird Dichtung; selbst einer närrischen Sportart wie Curling wohnt noch ein Geheimnis inne. Peter Rüttimann lüftet es: “Die Bettflaschen auf dem Eis – kommen auch aus der Schweiz.”

Trend- und korruptionsferner Musikjournalismus ist ebenfalls im großen Angebot. Zu Reinhard Mey schreibt Susanne Kümpel: “Über der Wolke” singt Reinhard Mey. Der singt. “Über sieben Brücken musst du gehen”, singt auch Reinhard Mey. Reinhard Mey spielt Gitarre.“ Kann man es treffender sagen: Mey, Maffay und Karat in einem Boot, und das fern jeder Polemik, ohne gemeinen Unterton? Was für eine Gabe: Auf niemanden und auf nichts zielen und dabei traumwandlerisch die Wahrheit erwischen.
Katja de Bragança bat mich um einen Gastbeitrag für das Ohrenkuss-Wörterbuch. Ich fühlte mich geschmeichelt – und angespornt. Ohrenkuss bedeutet Klarheit der Empfindung, gepaart mit einer Direktverbindung zur Sprache, flüchtig wie ein Wimpernschlag, ohne scheelen Blick auf die Ewigkeit. Solche Seelenmomente muss man erstmal abpassen. Ich dichtete und lieferte zwei Strophen ab, über Ohrenkuss und Ohrenküsse.
Anfang November wurde Ohrenkuss – Das Wörterbuch in einem Kölner Theater präsentiert, ich war als Gastleser gebeten und geriet in eine Bande ausgelassener Hedonisten, die sich und ihr Werk ungeniert feierten und feiern ließen. Ich durfte einige meiner Lieblingseinträge lesen, zum Beispiel den von Hermine Fraas über Karl Lagerfeld: “Mode. Da fällt den Leuten immer was neues ein. Das soll man mitmachen. Das ist großer Quatsch. Der Lagerfeld das ist doch Karneval. Aber so dünn wäre ich gerne. Das ist mein Problem nämlich.”

Ohrenkuss Lesung am 2. November 2008, Freies Werkstatt Theater in Köln.